Camus: "Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen."
Zum 50. Todestag von Albert Camus
Der empirische Vorteil des Todseins ist, dass in der Regel auch vormahlige Kritiker nur das Beste zu berichten haben. Der Nachteil besteht in der Unmöglichkeit des Toten, sich gegen sogenanntes Lob zur Wehr zu setzen.
So findet sich eine sehr selektive Ehrung in der Welt:
"Als [Camus] von sich sagte, er schreibe so schlecht wie ein Staatssekretär und habe nicht viel zu sagen, steckte in dieser Äußerung mehr Koketterie als Selbstkritik. Ein bedeutender Philosoph aber war Camus in der Tat nicht, das Theater kann ohne seine Thesenstücke auskommen, sein bester Roman, "Der erste Mensch", erschien vierunddreißig Jahre nach seinem Tod. Camus, der öffentliche Intellektuelle, war nicht unfehlbar. Doch blieb er in den ideologischen Stürmen des 20. Jahrhunderts, in denen die meisten seiner Kollegen sich drehten wie die Wetterfahnen, standhaft in seiner Kritik an den Totalitarismen von rechts und links."
(Quelle)
Genau! Der Kerl hat zwar nicht viel brauchbares geschrieben, aber wenigstens war er kein Kommunist (jenfalls nicht lange). Hat Ranicki den Grass nicht auch mal für seine tollen Gedichte gelobt?
In der FR wird dagegen über die Aktualität des Denkers geschrieben (was dann doch etwas linker klingt):
"Camus war kein Träumer. Er war Realist und er liebte die Wahrheit. Er wusste, dass wer sagt, der Wettbewerb soll entscheiden - nicht nur, ob eine Firma, sondern ob der Einzelne überlebt -, dazu sagen muss, dass er bereit ist, für dieses Prinzip über die Leichen derer zu gehen, die im Wettbewerb scheitern."
(Quelle)
Der mich am nachhaltigsten geprägte Gedanke von Camus wird wohl noch einige Zeit Gültigkeit besitzen, obwohl er bereits 1946 für die Resistance-Zeitung "Combat" (WP) formuliert wurde:
„Über fünf Kontinente hinweg wird in den kommenden Jahren ein endloser Kampf zwischen der Gewalt und dem Wort stattfinden. Und es stimmt, dass die Gewalt tausendmal bessere Aussichten hat als das Wort. Aber ich war immer der Ansicht, wenn ein Mensch, der auf menschliche Verhältnisse hofft, ein Verrückter sei, so sei jener, der an den Ereignissen verzweifle, ein Feigling. Und von nun an wird es nur noch den Stolz geben, unbeirrbar jene grossartige Wette mitzumachen, die schliesslich darüber entscheiden wird, ob Worte stärker sind als Kugeln.“
(Aus: "Weder Opfer noch Henker. Über eine neue Weltordnung." Text auf Englisch)
Außerdem:
- Unter dem Titel "Der Zeitgenosse unserer Träume" schreibt die Zeit in bekannter Kürze (7 Seiten) über Leben, Sterben und Wirkung des Literaturnobelpreisträgers.
vpitt - 4. Jan, 17:42